Geschichte von Russland : Untergang des Zarenreiches (1905-1917)
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Fotografien Russland |
Da sie für den Krieg gegen Japan die öffentliche Zustimmung brauchte, gestattete die kaiserliche Regierung im November 1904 einen Kongress der Semstwos in Sankt Petersburg. Als die Regierung die Forderungen des von gemäßigten Konstitutionalisten beherrschten Kongresses nach liberalen Reformen zurückwies, erfasste im Januar 1905 eine Streikwelle die Hauptstadt. Arbeitervertreter riefen zu einer Demonstration auf, die in die Russische Revolution von 1905 mündete. Am 22. Januar 1905 marschierten Tausende unter Führung von Georgij Apollonowitsch Gapon, eines revolutionären Priesters, zum Winterpalais, der Residenz des Zaren, um ihre Forderungen dem Zaren zu überreichen. Kaiserliche Elitetruppen schossen die Demonstranten nieder; Hunderte wurden an diesem Blutsonntag getötet und verwundet. Das Massaker war das Signal zum Aufstand, der sich in allen Industriestädten Russlands erhob und die geschwächte Regierung zu Zugeständnissen zwang: Nikolaus II. gewährte den Altgläubigen Religionsfreiheit (29. April), den Polen größere Selbstbestimmung (16. Mai), und in einem Manifest vom 30. Oktober 1905 garantierte er die bürgerlichen Grundfreiheiten sowie die Einberufung einer Volksvertretung (Duma). |
Doch ließ sich die revolutionäre Welle nicht aufhalten: Soldaten und Matrosen meuterten, streikende Eisenbahner legten den Verkehr lahm. Am 14. Oktober 1905 schlossen sich in Sankt Petersburg Streikkomitees zu einem Rat aus Arbeiterdeputierten (Sowjet) zusammen, der sich an die Spitze eines Generalstreiks stellte. Dieser war begleitet von Bauernunruhen und Aufständen der nichtrussischen Völker, die schon im Frühjahr eingesetzt hatten, so an der Wolga und in Lettland, aber auch von Judenpogromen. |
Die gewaltsame Auflösung des Petersburger Sowjets im Dezember 1905 provozierte einen von den Bolschewiki initiierten Arbeiteraufstand in Moskau, der aber von Armee-Einheiten rasch niedergeschlagen wurde. Der im Februar 1905 nach Russland zurückgekehrte Führer der Bolschewiki, Wladimir I. Lenin, floh wieder außer Landes, der Vorsitzende des Petersburger Sowjets, Lew Trotzkij, wurde verhaftet und nach Sibirien verbannt. Anfang des Jahres 1906 hatte die kaiserliche Regierung die Lage wieder unter Kontrolle. Die erste indirekt gewählte Reichsduma trat im Mai 1906 zusammen. Vor dieser Versammlung verkündete die Regierung jedoch die so genannten Reichsgrundgesetze, die der kaiserlichen Regierung weit reichende Befugnisse beließen und der Duma ein weiteres Legislativorgan, den Reichs- oder Staatsrat, dessen Mitglieder zur Hälfte von der Regierung ernannt wurden, gegenüberstellte. |
Als die mehrheitlich von den so genannten Kadetten (liberalen konstitutionellen Demokraten) beherrschte Duma energische Reformen verlangte, wurde sie nach zwei Monaten aufgelöst. Eine zweite Duma versammelte sich 1907 und wurde ebenfalls nach kurzer Zeit wieder aufgelöst. Ein neues Wahlgesetz, das die oberen und besitzenden Klassen der Bevölkerung bevorzugte, sollte nun eine der zaristischen Regierung genehme Duma erbringen. |
Der weiter gärenden Unzufriedenheit und revolutionären Unruhe begegnete die Regierung mit verstärkten Repressionen (z. B. Einrichtung von Standgerichten). In der dritten Duma (1907-1912) arbeitete die Mehrheit der konservativen und rechten Gruppen mit der Regierung zusammen und unterstützte Ministerpräsident Pjotr Stolypin (1906-1911) bei seiner Agrarreform, die das Mir-System überwinden und eine Schicht selbständiger Mittelbauern schaffen sollte, die so genannten Kulaken. Nach der vollen Legislaturperiode konstituierte sich 1912 eine vierte, die letzte Duma (bis 1917), in der Bolschewiki und Menschewiki weiter zurückgedrängt wurden; die Sozialrevolutionäre waren nur in der zweiten Duma vertreten und danach in die Illegalität abgetaucht. |
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Nikolaus II. mit seinen Kindern |
Die von Österreich-Ungarn 1908 ausgelöste Annexionskrise um Bosnien-Herzegowina und die Balkankriege 1912/13 brachten Russland Prestigeverluste, da es die Forderungen des von ihm gestützten Serbien nicht gegen Österreich-Ungarn durchsetzen konnte. Der durch die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 ausgelöste 1. Weltkrieg traf Russland weitgehend unvorbereitet und im Zustand wirtschaftlicher und militärischer Schwäche. In der europäischen Mächtekonstellation stand es aufseiten Frankreichs und Großbritanniens, mit denen es 1907 die Tripelentente geschlossen hatte. Im September 1914 ging die Tripelentente in ein Kriegsbündnis über. |
Bis zum Ende des Jahres 1914 erlitt die russische Armee schwere Rückschläge, besonders in Ostpreußen (Schlacht von Tannenberg), die militärischen Erfolge in Galizien Anfang 1915 waren nur vorübergehend, und auch die Brussilow-Offensiven 1916 brachten keine Entlastung, so dass eine Niederlage ähnlichen Ausmaßes wie im Krimkrieg und Russisch-Japanischen Krieg drohte. |
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Hohe Verluste an Soldaten und Ausrüstung, Nachschub- und Versorgungsschwierigkeiten, unzureichende Transportmöglichkeiten sowie die Unfähigkeit der militärischen Führung demoralisierten die russische Armee. Die Zahl der Deserteure stieg, und der Krieg wurde nach anfänglicher Begeisterung in ganz Russland unpopulär, Kriegsmüdigkeit machte sich breit, Streiks flammten wieder auf. Auch die vierte Duma geriet in Gegensatz zur kaiserlichen Regierung. Der Zar selbst hielt sich an der Front auf, und seine deutschstämmige Frau Alexandra geriet stark in den Bann Rasputins, der überdies noch Einfluss auf politische und militärische Entscheidungen nahm. Auch die Ermordung Rasputins im Dezember 1916 durch eine Gruppe von Aristokraten, darunter auch Mitglieder |
Rasputin |
der Zarenfamilie, führte zu keiner Entspannung der Lage, zumal Nikolaus II. den Krieg keinesfalls beenden wollte. |
Russland 1918 |
![]() Russland 1918 |
Eine Frauendemonstration am 23. Februar 1917 in dem in Petrograd umbenannten Sankt Petersburg, der sich große Teile der Arbeiterschaft anschlossen, leitete die Februarrevolution ein. Den Befehl, die sich ausbreitenden Unruhen gewaltsam niederzuschlagen, beantworteten die Soldaten mit Passivität und Meuterei; die Petrograder Garnison verbrüderte sich mit den Demonstranten. Die Duma, von den Ereignissen überrollt, bildete ein Komitee, das sich als Provisorische Regierung konstituierte. Unter dem Druck der Revolution dankte Nikolaus II. am 2. März 1917 zugunsten seines Bruders ab, der jedoch Tags darauf ebenfalls auf den Thron verzichtete. Mit der Abdankung der Romanows fand das seit 1547 bestehende Zarenreich sein Ende. "Russland," Microsoft® Encarta® Online-Enzyklopädie 2009 http://de.encarta.msn.com © 1997-2009 Microsoft Corporation. Alle Rechte vorbehalten. |
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