Geschichte der Schweiz : Der neutrale Staat und die Weltkriege
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Fotografien Schweiz |
Am 12. September 1848 gab sich die Schweiz eine neue Verfassung, die im Wesentlichen noch heute in Kraft ist. Die Schweiz wurde in einen Bundesstaat mit der Hauptstadt Bern umgewandelt; als Legislative wurde die aus den beiden gleichberechtigten Kammern Nationalrat und Ständerat bestehende Bundesversammlung eingesetzt, die Exekutive wurde dem Bundesrat, einem siebenköpfigen, von der Bundesversammlung gewählten Kollegialorgan, übertragen. Und es wurde ein allgemeines und gleiches Wahlrecht eingeführt, jedoch nur für Männer. In der Folgezeit, bis ins 20. Jahrhundert hinein, dominierten die liberal-demokratischen, zentralistischen und antiklerikalen Freisinnigen (siehe Freisinnig-Demokratische Partei) die schweizerische Politik; ihre Vorstellungen flossen auch in die revidierte Verfassung vom 29. Mai 1874 ein, die die Kompetenzen der Zentralgewalt erweiterte und zugleich die demokratischen Elemente auf Bundes- und Kantonsebene (u. a. durch die Einführung des Volksentscheids) stärkte. |
Den nach wie vor vorhandenen politisch-konfessionellen Spannungen zwischen Katholisch-Konservativen und Protestantisch-Liberalen und dem sich verschärfenden Kulturkampf suchte die neue Verfassung durch verschiedene antiklerikale Artikel zu begegnen. |
Nach der Errichtung des Bundesstaates und der damit verbundenen Zentralisierungen in verschiedenen Bereichen schritt unter den Bedingungen des Freihandels die Industrialisierung der Schweiz, auch des Großteils der bislang agrarisch geprägten Regionen, rasch voran. Mit der Industrialisierung nahmen jedoch auch die sozialen Probleme (soziale Frage) rapide zu, u. a. bedingt durch das starke Bevölkerungswachstum und die Landflucht von den Alpenregionen in die Industriezentren im Mittelland. Es entstanden verschiedene Arbeiterorganisationen, und 1880 konstituierte sich die erste gesamtschweizerische Gewerkschaft. Trotz ihres soliden wirtschaftlichen Aufschwungs blieb auch die Schweiz in den frühen achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts von der weltweiten Depression nicht |
verschont, ging von ihrer Freihandelspolitik ab und führte 1884 Schutzzölle ein. Neben den industriellen Wirtschaftszweigen – Textil-, Uhren-, Maschinen-, Nahrungsmittel- und chemische Industrie – entwickelte sich im späten 19. Jahrhundert der Tourismus allmählich zu einem weiteren bedeutenden Wirtschaftsfaktor, und um die Wende zum 20. Jahrhundert hatte sich die Schweiz auch als einer der führenden Finanzplätze der Welt etabliert. |
Während des 1. Weltkrieges bewahrte die Schweiz, von Krieg führenden Staaten umgeben, ihre Neutralität. Die wirtschaftliche Situation der Schweiz gestaltete sich allerdings zunehmend kritisch: Was Rohstoffe und zum Teil auch Nahrungsmittel anbelangte, war sie stark vom Ausland abhängig; der Rückgang und die Verteuerung der Importe konnte durch die Steigerung der eigenen Produktion, vor allem der Nahrungsmittelproduktion, nur zum Teil aufgefangen werden. Der daraus resultierende Anstieg der Lebenshaltungskosten hatte wiederum zunehmende soziale Spannungen zur Folge, die sich im November 1918 in einem landesweiten Generalstreik entluden. Der Streik war von dem sozialrevolutionären „Oltener Aktionskomitee” und dessen Begründer Robert Grimm organisiert worden. Sein eigentliches Ziel, eine radikale gesellschaftliche Umwälzung zu erzwingen, verfehlte der Streik zwar; aber in Reaktion auf den Streik wurden Nationalratswahlen nach dem neu eingeführten Verhältniswahlrecht für 1919 ausgeschrieben, die 48-Stunden-Woche sowie verschiedene andere Verbesserungen für Arbeiter und Angestellte eingeführt. Bei den Nationalratswahlen 1919 verlor die Freisinnig-Demokratische Partei (FDP) ihre absolute Mehrheit und schloss sich daraufhin im „Bürgerblock” mit der Schweizerischen Konservativen Volkspartei (der späteren Christlichdemokratischen Volkspartei, CVP) und den Gruppierungen der späteren Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB, aus der die Schweizerische Volkspartei, |
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Robert Grimm |
SVP, hervorging) gegen die Sozialdemokratische Partei (SPS) zusammen. 1935 ging die SPS als stärkste Partei aus den Nationalratswahlen hervor; ein Sitz im Bundesrat blieb ihr jedoch weiterhin verwehrt. |
Die Schweiz als neutraler, liberaler Staat war bereits im 19. Jahrhundert Schauplatz verschiedener internationaler Konferenzen, und in der Schweiz siedelte sich auch eine Reihe internationaler Organisationen an: So errichtete z. B. 1863 das Internationale Rote Kreuz hier ebenso seinen Hauptsitz wie der nach dem Ende des 1. Weltkrieges gegründete Völkerbund. 1920 trat die Schweiz dem Völkerbund bei und gab dafür ihre „integrale”, d. h. grundsätzliche Neutralität zugunsten einer „differentiellen” auf, die ihr die Beteiligung an nichtmilitärischen Aktionen des Völkerbundes erlaubte. Vor dem Hintergrund der Bedrohung durch die Nachbarländer Deutschland und Italien, durch Nationalsozialismus und Faschismus, und auch in Reaktion auf den völligen Misserfolg der Völkerbundssanktionen gegen Italien kehrte die Schweiz jedoch 1938 wieder zum Prinzip der „integralen” Neutralität zurück. Innenpolitisch bewirkte die deutsch-italienische Bedrohung ein breites Bündnis nahezu des gesamten politischen Spektrums zur „geistigen Landesverteidigung”. |
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Auch während des 2. Weltkrieges wahrte die Schweiz ihre Neutralität und Unabhängigkeit – allerdings um den Preis einer vorsichtigen Anlehnung an das Deutsche Reich und nicht zuletzt dank ihrer Funktion als Finanzplatz für das nationalsozialistische Deutschland. Die Geschäfte der Schweizer Banken, besonders auch der Nationalbank, mit den Goldlieferungen aus dem Deutschen Reich, darunter auch große Mengen des von den Nationalsozialisten vor allem in den besetzten Gebieten beschlagnahmten „Raubgoldes” – erst 50 Jahre nach Kriegsende weitgehend aufgedeckt und an die Öffentlichkeit gebracht – ließen doch erhebliche Zweifel an der moralischen Integrität und der Neutralität der Schweiz während des 2. Weltkrieges laut werden. Auch die Tatsache, dass die Schweiz Tausende jüdische Flüchtlinge an ihren Grenzen zurückwies, stieß national und international auf heftige Kritik. Während des 2. Weltkrieges hatte die Schweiz mit ähnlichen wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen wie schon im 1. Weltkrieg. Um zumindest die Nahrungsmittelversorgung einigermaßen |
Friedrich Traugott Wahlen |
sicherzustellen, wurden nach Plänen des Sozialdemokraten Friedrich Traugott Wahlen die Anbauflächen in der Schweiz erheblich erweitert; andere notwendige Güter wurden unter erschwerten Bedingungen importiert, sowohl aus den Ländern der Alliierten wie auch denen der Achsenmächte. Innenpolitisch kam es, trotz der breiten „geistigen Landesverteidigung”, über Fragen wie Asylgewährung für Flüchtlinge aus dem nationalsozialistischen Deutschland oder dem Kurs gegenüber dem Deutschen Reich zu schweren Kontroversen. 1943 wurde mit Ernst Nobs erstmals ein Sozialdemokrat in den Bundesrat gewählt. Schweiz," Microsoft® Encarta® Online-Enzyklopädie 2009 http://de.encarta.msn.com © 1997-2009 Microsoft Corporation. Alle Rechte vorbehalten. |
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